Diskretion ist mein Beruf
Bei Dynamo betreuen Ärzte und Pflegekräfte in jeder Session die unterschiedlichsten und komplexesten Erkrankungen. Aber niemand bemerkt sie, denn sie tragen keine weißen Kittel. Ziel ist es, allen einen Aufenthalt auf dem Campus zu ermöglichen, der sicher und unbeschwert verläuft.
«Wir müssen die Bedürfnisse eines Kindes voraussehen und alles tun, um es bei uns aufnehmen zu können. Unsere Aufmerksamkeit darf sich nicht ausschließlich auf die Krankheit konzentrieren, sondern muss auch die daraus resultierenden Bedürfnisse berücksichtigen». Daniele Bertin, medizinischer Leiter des Campus und Facharzt für pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Regina Margherita in Turin, erklärt den Ansatz von Dynamo bei der Betreuung der vielen Erkrankungen, die in jeder Session behandelt werden. Kinder (6–12 Jahre) und Jugendliche (13–17 Jahre) mit schweren und chronischen Erkrankungen sind die Hauptzielgruppe der Programme für Erlebnistherapie. Die kleinen Gäste kommen aus ganz Italien. Die Rekrutierung erfolgt nach medizinischen Kriterien, die mit den wichtigsten Krankenhäusern des Landes abgestimmt sind.
Seit seiner Eröffnung hat der Campus immer mehr Kinder und Jugendliche aufgenommen, deren Zahl 2019 bei 1.238 lag. Insbesondere zwischen 2017 und 2019 konnten rund 200 weitere Camper betreut werden. Dieses Wachstum von 33 % wurde auch durch bauliche Veränderungen im Club Med (dem internen medizinischen Zentrum) und in den Hütten ermöglicht. Dank wirksamer Kontrollinstrumente können so zunehmend komplexe Situationen bewältigt und sorgfältig auf neue Bedürfnisse eingegangen werden. «Bei den Auswahlkriterien geht es nicht nur um die Art der Erkrankung, sondern auch um den Grad der Selbstständigkeit des Einzelnen», erklärt Bertin. «Diese Kriterien werden von Jahr zu Jahr angepasst. Nicht, um jemanden auszuschließen, sondern damit alle, die wir aufnehmen, ihren Urlaub ohne Risiken genießen können».

Der Campus wird auf medizinisch-wissenschaftlicher Ebene durch die Partnerschaft mit dem Ospedale Meyer in Florenz unterstützt und ist so konzipiert, dass er soweit wie möglich inklusiv ist. Die Barrierefreiheit wird nicht nur durch das Fehlen physischer Hindernisse gewährleistet. Die 2016 eingeführte Augmentative und alternative Kommunikation (AAC) ermöglicht es beispielsweise, auch mit Kindern zu kommunizieren, die nicht in der Lage sind, Sprache zu verwenden. Die Philosophie von Dynamo sieht vor, dass spezialisierte Ärzte und Pflegekräfte rund um die Uhr anwesend und einsatzbereit sind, aber «unsichtbar» und diskret bleiben, damit die Jugendlichen eine besondere Erfahrung in völliger Sicherheit und Gelassenheit machen können, ohne den Eindruck zu haben, sich in einer medizinischen Einrichtung zu befinden. Ärzte und Pflegekräfte sind daher wie das restliche Personal gekleidet: «Wir tragen lediglich ein Schlüsselband um den Hals, dessen Namensschild weiß statt grün ist, damit die neuen Freiwilligen uns erkennen können». Eine weitere sehr wichtige Regel ist, dass nur Ärzte und Pflegekräfte Zugang zu den Krankenakten der Camper haben. Das Personal und die Freiwilligen erfahren hingegen lediglich, was die Camper tun können oder nicht.
Neben dem Schutz der Privatsphäre der kleinen Gäste ermöglicht dies den Dynami, mit ihnen zu interagieren, ohne dass sie gemeinsam mit dem Kind seine Krankheit sehen müssen. Die Betreuung der unterschiedlichsten Erkrankungen ist nicht nur Aufgabe der Ärzte, sondern auch des Personals, das die Aktivitäten so organisieren muss, dass alle Spaß haben können. «Kinder mit unterschiedlichen Erkrankungen in derselben Session aufzunehmen, bedeutet, ihnen das gemeinsame Erleben zu ermöglichen», erklärt Vito Nigro, Leiter des Camps. «Um dieses Ziel zu erreichen, ist unsere Vorbereitung unerlässlich. Die Eltern füllen einen ausführlichen Fragebogen aus, der je nach Erkrankung unterschiedlich ist. Dadurch erfahren wir nicht nur den Schweregrad, sondern auch etwas über den Charakter des Kindes. Bei einer Tetraplegie wird beispielsweise gefragt, ob das Kind die Hände bewegen, einen Gegenstand greifen und wie hoch es die Arme heben kann. All diese Informationen sind für die Planung der Aktivitäten äußerst hilfreich. Wenn wir vorbereitet in die Session starten, können wir uns sofort auf die Bedürfnisse der Camper konzentrieren». Es kann jedoch vorkommen, dass Eltern einige wesentliche Details als selbstverständlich voraussetzen. Daher ist es für das Personal entscheidend, die Kinder direkt bei ihrer Ankunft zu beobachten. «Das oberste Gebot lautet: Anpassungsfähigkeit. Wir müssen jederzeit in der Lage sein, die Aktivitäten neu zu überdenken. Sobald uns ein Bedürfnis bewusst wird, müssen wir umgehend handeln. Deshalb hören wir nie auf, uns abzustimmen, und sind stets bereit, uns einzubringen und auf jede Notwendigkeit zu reagieren».
Seit einigen Jahren können auch Jugendliche, die einen Nacht-Beatmungsapparat benötigen, dank der Zusammenarbeit mit dem Verein Respirando aus Pisa und den Ärzten des Bambin Gesù, darunter Professor Renato Cutrera, der kleine Patienten mit diesen Bedürfnissen betreut, am Camp teilnehmen. «Um diesen Schritt zu gehen, haben wir die nächtliche Pflege intensiviert und einige Änderungen in den Hütten vorgenommen», erklärt Bertin. «Es wurden Trennwände aus Glas angebracht, die den Lärm des Beatmungsapparats dämpfen und es diesen Jugendlichen so ermöglichen, ohne ihren Schlaf zu stören mit anderen Campern zusammen zu schlafen». «Zum ersten Mal konnten sie einen Urlaub fernab ihrer Familie verbringen», erzählt Ärztin Serena Caggiano, die mit dem Verein Respirando einige Mädchen auf den Campus gebracht hat. «Im Laufe der Tage lernten sie, mit den Masken und Beatmungsgeräten umzugehen; ein erster Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Das schönste Bild, das wir mit nach Hause nehmen, ist das Lächeln dieser Mädchen, die dankbar dafür sind, verstanden zu haben, dass auch sie das Recht auf Glück einfordern können».
Quelle: DYBC MAGAZINE